Autogramme zieren Tischtuch Außergewöhnliches Gästebuch in der Sammlung Kolonialgeschichte

30. Dezember 2009
Westfalen-Blatt
Wolfgang Braun

Neuenheerse Einen Ehrenplatz in der Sammlung der Vereinigten Museen im Wasserschloss Heerse hat ein ganz außergewöhnliches Stück inne: ein Tischtuch, auf dem sich die Gäste im Amtssitz eines hohen Kolonialbeamten in Deutsch-Südwest – jetzt Namibia – verewigt hatten. Darunter auch der Industrielle und spätere, 1922 von Rechtsextremisten ermordete, Reichsaußenminister Walter Rathenau.

Dieses „Gästebuch“ ganz eigener Art hatte der frühere Bezirksamtmann Karl A. Schmidt in der Stadt Keetmannshop in Gebrauch

erläuterte Honorargeneralkonsul Manfred O. Schröder die Entstehung dieser Kostbarkeit. „1900 hatten Mitglieder einer fröhlichen Gastgesellschaft im Anwesen von Schmidt auf einem Tischtuch ihre Autogramme hinterlassen“, führte er weiter aus. Danach waren die zumeist sehr prominenten Namen rot ausgestickt worden.

Bis 1910 wurde diese Sitte, statt in ein Gästebuch aufs Tischtuch zu schreiben, noch beibehalten. Auf diese Weise ist eine stattliche Liste erlauchter Namen aus dieser Epoche der deutschen Kolonialzeit entstanden, in der der SPD-Politiker Rathenau der wohl bekannteste ist. Sie führt aber mit Paul von Lettow-Vorbeck und Generalleutnant von Trotha wegen deren Rolle bei der grausamen Niederschlagung des Herero-Aufstandes (1904 bis 1908) die Namen mittlerweile sehr umstrittener Offizierspersönlichkeiten auf.

Die Familie derer von Trotha hatte sich im November 2004 bei Herero-Häuptlingen für das angerichtete Unrecht entschuldigt. Keetmannshop – im Süden von Namibia gelegen – ist heute wegen seines Köcherbaumwaldes ein beliebtes Touristenziel.
Honorargeneralkonsul Manfred O. Schröder, der mit seiner Ehefrau Helga zusammen die Kulturstiftung Schröder als Träger der Museen im von ihm restaurierten Wasserschloss Heerse betreibt, war bei seinen häufigen Reisen nach Namibia auf zahlreiche kolonialgeschichtliche Spuren im ehemaligen Deutsch-Süd-West-Afrika gestoßen. So hatte Schröder, der unter anderem in Nordrhein-Westfalen das Land Ghana als Konsul vertritt, sich auch mit dem mittlerweile verstorbenen Lehrer Eugen Sibold angefreundet, der 1924 in die ehemalige deutsche Kolonie ausgesiedelt war. „Sibold hat viel für die Bewahrung des deutschen Erbes im südlichen Afrika getan,“ so Honorargeneralkonsul Manfred Schröder.

Nach dem 1. Weltkrieg hatte das deutsche Reich im Frieden von Verseilles auf alle überseeischen Besitztümer verzichten müssen. „Gegen geringes Entgeld hatte er dort die Kinder von deutschen Farmern unterrichtet“, berichtet Schröder. „Sibold, der mit seiner Frau Elisabeth die Farmen „Hummelsheim“ und „Friedrichswald“ bewirtschaftete, hatte ein enormes Schrifttum aus der Kolonialzeit zusammengetragen. „Von ihm habe ich auf dieses Unikat vor einigen Jahren erwerben können“, erzählte der Konsul weiter. Sibold habe ihm versichert, er habe das kostbare Stück im Zuge seines Deutschunterrichts bei Erben von Lettow-Vorbeck, dem Kommandanten der Kaiserlichen Schutztruppen erhalten. Siebold habe viel für das deutsche Erbe im südlichen Afrika getan. Und: „Als ein bedeutendes historisches Dokument soll es jetzt einen Ehrenplatz im Trakt neben der Hubertushalle in dem Museum im Wasserschloss Heerse einnehmen“, so Schröder.

Tischdecke als Gästebuch, zu sehen in den Vereinigten Museen in Neuenheerse

Tischdecke als Gästebuch, zu sehen in den Vereinigten Museen in Neuenheerse