Das preußische Glockenspiel im Wasserschloss Heerse

von Manfred O. Schröder

2010
Jahrbuch Kreis Höxter
Seite 64 – 66

Oberstleutnant Klaar, damaliger Kommandeur des Fallschirmjägerbataillons 271 der Deutschen Bundeswehr, hatte Anfang der 1990er Jahre eine großartige Idee. Nach Durchführung einer weltweiten Spendenaktion bestellte er bei einer holländischen Glockengießerei in Originalgröße das bis 1943 auf der Garnisonskirche zu Potsdam in Betrieb gewesene „Preußische Glockenspiel“. Diese Neuanfertigung des Originals wurde am 17. Juni 1987 in der Winkelmann–Kaserne zu Iserlohn in Anwesenheit von Herrn Generalleutnant Gerhard Wessel und führenden hochgestellten Persönlichkeiten, sowie Truppenteilen der Bundeswehr in einem feierlichen Festakt in Betrieb genommen. Begleitet von dem von Oberstleutnant Klaar gegebenen Versprechen, dieses Glockenspiel nach dem Fall der Mauer auf den Platz der ehemaligen Garnisonskirche zu Potsdam zu verbringen.

Das war zu einem Zeitpunkt als viele Politiker und Sonntagsredner zwar die Wiedervereinigung forderten, jedoch selbst nicht daran glaubten und als diese wirklich kam, sehr erschrocken waren. Das Konsularkorps des Landes NRW folgte einer Einladung des ehemaligen Ministerpräsidenten Dr. h.c. Johannes Rau sowie des Ministerpräsidenten von Brandenburg Manfred Stolpe zu einem Besuch in Potsdam. Dabei konnte festgestellt werden, dass Oberstleutnant Klaar sein Versprechen eingehalten hatte und das in der Winkelmann–Kaserne montierte große Glockenspiel auf den Platz der Garnisonskirche zu Potsdam verbracht hatte. Hierüber existiert eine Urkunde folgenden Inhalts: URKUNDEDem Fallschirmjägerbataillon 271 wurde am Tag der Deutschen Einheit 1987 das wiederhergestellte POTSDAMER GLOCKENSPIELin die treuhänderische Obhut übergeben.Das Bataillon möge das Geläut in Ehren pflegen, bis unser Deutsches Vaterland nicht mehr gewaltsam geteilt ist.Alsdann soll es die Glocken nach Potsdam stiften, dies ist ihr endgültiger Bestimmungsort.DAS POTSDAMER GLOCKENSPIELwurde damit zum Symbol für die Sehnsucht der Deutschen nach Wiederherstellung ihrer staatlichen Einheit in Freiheit.Mögen seine Melodien und < Üb immer Treu und Redlichkeit> unser Volk begleiten auf dem Weg zu einem Deutschland der Einigkeit, des Rechtes und der Freiheit. So helfe uns Gott!Gegeben am 17. Juni 1987 im Jahr des 750-jährigen Bestehens der Städte ISERLOHN und BERLIN.Im Namen der Spender: Gerhard Wessel – Generalleutnant a.D.In Schröder reifte die Idee, auch etwas Preußen im kulturarmen Ostwestfalen zu belassen. Er bestellte bei der gleichen holländischen Glockengießerei ebenfalls eine genaue Nachbildung des Potsdamer Glockenspiels, jedoch in verkleinerter, den örtlichen Schlossverhältnissen angepasster Form.Dieses Glockenspiel wurde geliefert und mit den notwendigen Fundamenten montiert. Sodann wurde es am 9. März 1991 durch S.E. Weihbischof Dr. Paul Nordhues geweiht und gesegnet und durch den damaligen NRW Justizminister und Chef der Staatskanzlei Dr. Rolf Krumsiek, mit begleitenden Worten, der Öffentlichkeit, unter enormer Anteilnahme der Bevölkerung, der Schützenvereine und in Anwesenheit hochgestellter Persönlichkeiten, übergeben. Weihbischof Nordhues sagte: „Friede sei ihr erst Geläut.“Dr. Krumsiek äußerte: „ Wenn ich die hier so friedvoll versammelte Gemeinde sehe, dann weiß ich, dass ich kein BGB und auch kein Strafgesetzbuch benötige.“Mit dieser Aussage hatte sich der ehemalige Justizminister gründlich geirrt. Es folgten Proteste, Unterschriftensammlungen, Betriebsverbote für das Glockenspiel etc. Im Endeffekt erstellte der öffentlich bestellte Sachverständige für Kirchen, Kunst und Glockenwesen – Herr Prof. Dr. Dr. Schmidt ; ehemaliger Kustos und Leiter des erzbischöflichen Museums – nach vielen Besuchen ein mehrere Seiten umfassendes Gutachten und stellte den kulturellen Zugewinn und auch die erzieherische Wirkung für die Schüler des benachbarten Gymnasiums heraus.Danach erfolgte nach einjähriger Wartezeit durch das Bauamt des Kreises Höxter die endgültige Baugenehmigung.Heute erklingen täglich von 9.00 Uhr bis 19.00 Uhr die vorbeschriebenen Traditionslieder wechselweise zur vollen Stunde und der Bevölkerung zuliebe 98 Versionen der Jahreszeit angepasste Lieder zu jeder ½ Stunde. Heute hört man Weihnachtslieder, Wanderlieder, herbstliche Klänge etc.. Das Glockenspiel endet um 19.00 Uhr mit dem Lied: „ Nun danket alle Gott“ – dem Choral von Leuthen – sowie der deutschen Nationalhymne.Generalhonorarkonsul Schröder und seine Frau sind heute mehr denn je der Auffassung, dass mit dem Erklingen der Traditionslieder, nicht nur dem Kreis Höxter, sondern auch Bad Driburg – Stadt der Burgen und Schlösser – ein hoher kultureller Zugewinn entstanden ist.