Das Wasserschloss Heerse im Wandel der Zeit

von Franz Becker

 

2013

Jahrbuch Höxter

 

Die Stadt Bad Driburg kann sich glücklich schätzen, im Ortsteil Neuenheerse über ein bedeutendes historisches Ensemble des ehemaligen Damenstiftes Heerse zu verfügen. Neben der heutigen Pfarrkirche, auch „Eggedom“ genannt, sind noch zahlreiche Stiftsgebäude erhalten. Dabei sticht besonders die Abtei als Sitz der Äbtissin hervor. Bevor die wechselvolle Geschichte der Abtei, heute als „Wasserschloss Heerse“ bezeichnet, im Wandel der Zeit nachgezeichnet wird, ist ein Blick in die fast 1000-jährige Geschichte des Stiftes sinnvoll.

 

Gründung und Entwicklung des Stiftes Heerse bis zur Auflösung

Es war das Jahr 868, als der dritte Bischof von Paderborn, Luithard, zusammen mit seiner Schwester Walburga um das „Wigbold“ (befestigte Siedlung) Heerse ein Damenstift gründete. Dazu  tauschten sie ihre Besitzungen im Großraum Warburg gegen die der bischöflichen Kirche zu Paderborn gehörenden Waldungen und Ländereien um Heerse ein. Diese Gründung wurde während des Nationalkonzils in Worms am 16. Mai des gleichen Jahres von allen anwesenden Bischöfen und Äbten auf einer Urkunde bestätigt. Walburga wurde die erste Äbtissin des Stiftes und übte dieses Amt auf Lebenszeit aus. Am 13. Juni 871 nahm Ludwig der Deutsche die Neugründung ausdrücklich unter seinen königlichen Schutz und gewährte kaiserliche Privilegien. Papst Stefan V. bestätigte die Gründung am 23. Mai 891 auf einer Papyrusurkunde, die einzige heute noch in Deutschland erhaltene und im Landesmuseum Münster aufbewahrte Urkunde dieser Art.

In den folgenden Jahrhunderten gelangte das Stift zu großem Reichtum und Einfluss. Während des Dreißigjährigen Krieges verarmte das Damenstift durch Schutzgeldzahlungen und Plünderungen, wovon es sich erst unter der Äbtissin Agatha von Niehausen zu Beginn des 18. Jahrhunderts erholte. Trotz des Reichsdeputationshauptschlusses vom 25. Februar 1803 (Säkularisation) wurde das Stift zunächst nicht aufgehoben, sondern in ein Stift dreier Konfessionen (rk., ev., reform.) umgewandelt und als eine Versorgungsanstalt für „bedürftige, adelige, weibliche Personen”, vorzugsweise für Töchter hoher Offiziere, genutzt. Erst durch das Dekret des Königs von Westfalen, Jérôme Bonaparte, Bruder Napoleons, vom 1.12.1810 wurde das Stift nach einer fast tausendjährigen Geschichte aufgelöst und die Güter eingezogen. Die Stiftskirche wurde Pfarrkirche, die Stiftshäuser und die Abtei gingen in private Hände über.

 

Das Abteigebäude – Residenz der Äbtissinnen

Bis an die Schwelle des 14. Jahrhunderts lebten die Stiftsdamen  wohl gemeinsam in einer Klosteranlage. Später geschah dies in separaten Häusern, den sogenannten Kurien. Die Äbtissin selbst residierte in der Abtei.

„Die Abtei erbawet, einen wassergraben und mauer

 darumb gefurt.“

Mit dieser Eintragung im Necrologium Herisiense (Memorienkalender mit Totenregister und Daten der im Bistum und Stift geehrten Heiligen und begangenen Festtage) anlässlich des Todestages (16. März 1621) der Äbtissin Ottilie von Fürstenberg wird auf ihre Verantwortung für den Neubau der Abtei hingewiesen. Ottilie löste damit die in der Wahlkapitulation anlässlich ihrer Einfuhr am 3. Oktober 1589 getroffene Abmachung ein, dass u. a. „das Abteigebäude gepflegt und instandgehalten werden soll“. Wohl der desolaten Bausubstanz geschuldet, plante sie 1599 einen Neubau der Abtei.  Das Gebäude wurde auf einem Pfahlgerüst errichtet, mit heimischen Sand- und Kalkstein aufgebaut und mit Solling-Sandsteinplatten gedeckt. Ein tiefer Graben, Gräfte genannt, umfasste die Abtei und wurde mit dem Wasser der Nethe gefüllt. Dies verlieh dem Gebäude ein noch hochherrschaftlicheres Aussehen. Der Zugang zur Abtei über die Gräfte wurde durch eine Holzbrücke ermöglicht. Leider sind weder der Baumeister bekannt noch die Baupläne erhalten. Im Jahr 1606 konnte dann der Neubau bezogen werden, der auch zur Repräsentation und Verwaltung des Stiftes bis ins nächste Jahrhundert diente.

Abtei 1665

Gut 100 Jahre später beeinflusste der Zustand der Abtei die Einfuhr der am 6. Dezember 1713 gewählten Äbtissin Johanna Maria Katharina, Gräfin von Winkelhausen. Das Gebäude war nämlich in keiner guten Verfassung und bedurfte der umfangreichen Renovierung und Erneuerung, bevor die Äbtissin einziehen konnte. Die Vorderfront wurde komplett abgebrochen und wieder neu aufgebaut, die Fenster mit Sandsteinen eingefasst, Balken ausgewechselt und das Dach teilweise neu eingedeckt. Erst 11 Monate später, am 14. Oktober 1714, konnte dann die Einfuhr erfolgen. Das Bild aus dem Jahr 1845  zeigt die Abtei nach erfolgter Renovierung als einen zweiflügeligen Bau mit einem Vierkantturm im Winkel und umlaufender Gräfte im Weserrenaissancestil erbaut. Auch in den folgenden Jahrzehnten musste man der Bausubstanz der Abtei immer wieder besondere Aufmerksamkeit schenken. So veranlasste die letzte Äbtissin, Maria Karoline von Dalwigk (1776-1810), große und umfangreiche Reparaturmaßnahmen, die das Gebäude in einem repräsentativen Zustand erhalten sollten.

Abtei nach erfolgter Renovierung 1845

 

Das ehemalige Abteigebäude – vom Adelssitz zum Jungeninternat

Nach der Stiftsauflösung wurde die Abtei an die Gräfin von der Schulenburg zu Reelsen verkauft, die das Gebäude 1816 an den Kaufmann Tiedemann aus Bremen weiter veräußerte. 1829 erwarb der Gutsbesitzer Ludwig Tenge aus dem lippischen Niederbarkhausen den Besitz, der in Erbfolge 1909 an seine Enkeltochter Johanna überging, die mit Oberst von Zitzewitz verheiratet war. Die Familie von Zitzewitz nahm nach dem Ersten Weltkrieg in der ehemaligen Abtei Wohnung und veranlasste 1921 erforderliche Umbaumaßnahmen. Dabei brach im östlichen Dachgeschoss ein Feuer aus und vernichtete den ganzen Dachstuhl. Die Löscharbeiten verursachten große Wasserschäden an Decken und Wänden. Der Wiederaufbau wurde umgehend in Angriff genommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten verschiedene Einquartierungen der Alliierten, bis das Gebäude an die Diakonissen zu Bethel als Altenheim für Ostvertriebene verpachtet wurde.

1956 erwarb die Gemeinschaft der Missionare vom Kostbaren Blut das Anwesen, mittlerweile im Volksmund „Schloss“ genannt, einschließlich des dazugehörigen Geländes, um es in ein Internat für Jungen mit entsprechenden Unterrichtsräumen umzubauen. Ab 1967 erfolgte der Neubau des Internats entlang der Johannwarthstrasse, um der wachsenden Zahl von Internatsschülern zu entsprechen und eine zeitgemäße, moderne Unterbringung zu ermöglichen. Das Schloss wurde nach Fertigstellung des Neubaus dann weiter zu Unterrichtszwecken genutzt, bis durch die Erweiterung des Schulgebäudes auch diese Verwendung nur noch in Ausnahmefällen erfolgte. Dieser Umstand führte dazu, dass seitens der Gemeinschaft der Missionare vom Kostbaren Blut hohes Interesse bestand, das Schloss zu verkaufen, um sich so von den mit dem Besitz verbundenen erheblichen Kosten zu entlasten.

 

Das Wasserschloss Heerse – Sitz der Internationalen Museen

 

Umfangreiche Baumaßnahmen und Renovierungen

So fügte es sich, dass im Jahr 1989 Honorargeneralkonsul (HGK) Manfred O. Schröder und seine Frau Helga aus Dortmund für die Unterbringung ihrer umfangreichen Exponatensammlung ein repräsentatives Anwesen suchten, um diese in musealer Form der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nach entsprechender Recherche und Prüfung verschiedener Angebote entschloss sich das Ehepaar Schröder, das zum Verkauf stehende Wasserschloss Heerse mit Nebengebäude (Torhaus) zu kaufen, denn dieses Objekt erfüllte alle wesentlichen Anforderungen zur späteren Einrichtung eines Museums.

Bevor dies geschehen konnte, waren jedoch umfangreiche Baumaß- nahmen und Renovierungen durchzuführen, denn der „Zahn der Zeit“ hatte in den letzten Jahrzehnten heftig an der Bausubstanz „genagt“.

Wasserschloss Heerse 1989

Nach einer detaillierten Bestandsaufnahme wurden zunächst vordringliche Instandsetzungsarbeiten veranlasst, die einen weiteren Substanzverlust verhindern sollten. So wurde nach Ablassen des Wassers der Gräfte ersichtlich, dass an der nordostwärtigen Seite des Schlosses die Pfeiler der gotischen Bögen, auf denen der Vorbau des Schlosses ruhte, unterhalb der Wasserlinie durch Sandsteinfraß bis auf einen Durchmesser von 8 cm reduziert waren. Zur Kompensation dieser fragilen Situation wurden die Pfeiler mit einem Stahlbetonmantel von ca. 1m x 1m umgeben. Die Mauern der Gräfte selbst waren teilweise eingefallen oder hatten bereits starke Ausbuchtungen. Neben den notwendigen Ausbesserungsarbeiten sorgten dann Stützmauern aus Beton bis knapp oberhalb der Wasserlinie für eine dauerhafte Stabilisierung. Um den Unbilden der Witterung zu begegnen, wurden sämtliche Fenster und das gesamte Dach überholt. Danach erfolgten die ersten Schritte zur Vorbereitung der Aufnahme der Exponatensammlung. Dazu wurden im Schloss in allen Etagen bis unter das Dach nicht tragende Zwischenwände herausgerissen, um so größere Räume für die einzelnen Museen zu schaffen und einen Rundgang zu ermöglichen.

Das Torhaus, das zum Abbruch frei gegeben war, wurde ebenfalls vollkommen saniert. Das Dach wurde mit roten Pfannen neu gedeckt, die Außenwände erhielten einen Putz mit kaisergelbem Anstrich, der westliche Giebel eine Schieferverkleidung. Das Dachgeschoss, früher als Aula des Gymnasiums genutzt, wurde auf 250 qm in ein spezielles Museum für afrikanische Kunst umgewandelt.

Im Jahr 2003 erfolgte dann eine komplette Außenrenovierung des Wasserschlosses. Der gesamte Putz wurde abgeschlagen, und die verfaulten Stellen des ab der ersten Etage vorhandenen Fachwerks an der Nord-, West- und Südseite wurden fachgerecht ausgebessert. Das Holzwerk der Westseite war von Schwamm und Pilz befallen, so dass sämtliches noch vorhandene, aber nicht mehr tragfähige Eichenholz demontiert werden musste. Durch den Ankauf einer Scheune wurde das gesamte Fachwerk durch eine Fachzimmerei mit 250 Jahre alten, passend zugeschnittenen Eichenholzbalken neu gestaltet und die Gefache anschließend wieder ausgemauert. Ein mehrschichtiger Putz wurde aufgebracht und mit einem kaisergelben Mehrfachanstrich versehen, wobei die Eichenbalken eine dunkelbraune mehrfache Schutz- und Farblasierung erhielten. Auch das Dach mit den roten Sandsteinschieferplatten erhielt eine Generalüberholung. Die Zinkblechkehlen, Dachrinnen und Fallrohre wurden durch kupferne ausgewechselt. Die über die Gräfte führende, aus rotem Sandstein bestehende Brücke mit Brüstung musste generalüberholt werden und erhielt eine neue Isolierung und Plattierung.

Am Ende dieser umfangreichen Bau-, Renovierungs- und Restaurierungsmaßnahmen dürfen die Besitzer Manfred und Helga Schröder stolz auf das Erreichte sein und mit Recht feststellen, dass dank großer privater Investitionen und ihrem hohen persönlichen Engagement das Wasserschloss Heerse wieder in neuem Glanz erstrahlt. Der öffentlichen Hand wäre es niemals möglich gewesen, die ehemalige Abtei in einen solch exzellenten Zustand zu bringen und zu halten.

Wasserschloss Heerse 2009

 

Einrichtungskonzept und Aufbau der Museen

Die vordringlichen Baumaßnahmen konnten 1993/94 abgeschlossen werden. Parallel dazu führte das Ehepaar Schröder Gespräche mit der Stadt Bad Driburg, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe und dem Land NRW mit dem Ziel, die Museen nach Abschluss des Aufbaus in kommunale oder staatliche Hände zu übergeben. Leider erfolglos, so dass Herr Schröder und seine Frau, allein gestellt ohne fachliche Berater, vor der großen Aufgabe standen, ein Konzept für die Aufnahme der damals 10.000 Stück umfassenden Sammlung zu entwickeln. Am Ende der Überlegungen wurde entschieden, die Exponate nach Kontinenten zu ordnen und den verfügbaren Räumen anzupassen. Bereits zwei Jahre später konnten die „Vereinigten Museen“ der Öffentlichkeit und vielen hochrangigen nationalen und internationalen Besuchern zugänglich gemacht werden. Jahr für Jahr wuchs die Zahl der Exponate und hat mittlerweile einen Umfang von etwa 20.000 Stücken erreicht. In höchster Form alarmgesichert, sind sie an den Wänden dekoriert, stehen in den Räumen oder sind in rund 150 jeweils passend angefertigten Glasvitrinen im Schloss und Torhaus ausgestellt.

 

Kulturstiftung Honorargeneralkonsul Manfred O. Schröder und Helga Schröder

An dieser Stelle soll zunächst ein Blick auf die Person Manfred O. Schröder geworfen werden. Er wurde 1925 in Plettenberg geboren, war Kriegsteilnehmer und leistete nach der Währungsunion seinen Anteil am Wiederaufbau unseres Vaterlandes durch Schaffung von Wohnraum in München, Mainz und Westfalen. Am 9. September 1965 erfolgte seine Ernennung zum HGK der Republik Ghana durch Staatspräsident Dr. Kwame Nkrumah, den er fünf Jahre vorher auf einer Universität in Großbritannien kennengelernt hatte und seitdem mit ihm freundschaftlich verbunden ist. Als Honorarkonsul von Ghana bestehen seine Aufgaben vorrangig in der Förderung der Wirtschaft und des Tourismus zur Republik Ghana sowie des kulturellen Austausches zwischen den Staaten. Mittlerweile ist er in diesem Amt seit 47 Jahren tätig und damit der dienstälteste, aktive HGK Deutschlands. Diese Funktion hat er bis heute mit großem Erfolg uneigennützig wahrgenommen und dabei seine vielfältigen Kontakte zu hochrangigen Politikern und Vertretern der Bundeswehr, zu hohen kirchlichen Würdenträgern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens eingesetzt. Im Laufe der fast fünf Jahrzehnten seiner Tätigkeit als HGK erhielt er verschiedene hohe Auszeichnungen. Als Höhepunkt in seinem Leben bezeichnete er selbst die 15-minütige Privataudienz im Vatikan bei Papst Benedikt XVI. im September 2009.

Drei Jahre vorher, im Oktober 2006, führte das Ehepaar Schröder die Internationalen Museen in eine Stiftung über. Damit sollte erreicht werden, dass die fast 20-jährigen finanziellen und persönlichen Investitionen in das Wasserschloss Heerse, in das Torhaus und in die fünf Museen sowie in die neu gebauten Hubertuskapelle und Hubertushalle auch in weiterer Zukunft Bestand haben werden und als kulturelles Kleinod noch vielen Generationen erhalten bleiben. Dazu wurde die Stiftung mit den notwendigen Mitteln aus dem Privatvermögen des Stifterpaars ausgestattet. Mit den Stiftungsorganen „Vorstand“ und  „Kuratorium“ ist sichergestellt, dass die Internationalen Museen im Wasserschloss Heerse für die immer zahlreicher werdenden Besucher geöffnet bleiben.

So werden auch kommende Generationen die Möglichkeit haben, je nach Interessenlage Lehrreiches, Wissenswertes und Erstaunliches aus den Bereichen Naturkunde, Jagdkultur, Ethnographie, Kolonialgeschichte und Europäisches Kulturgut  sowie über Preußen und das ehemalige Stift Heerse zu erfahren.

Luftbildaufnahme Wasserschloss Heerse

 

Literatur- und Quellenangaben

  1. Gemmeke, Anton: Geschichte des adeligen Damenstifts zu Neuenheerse, Paderborn 1931, Druck und Kommissionsverlag der Bonifacius-Druckerei G.m.b.H., Paderborn
  2. Hilker, Joseph: 1100 Jahre Neuenheerse, 1968, Druck und Herstellung Heinrich Werth, Warburg
  3. Werntze, Annette: Die Stiftskirche in Neuenheerse, Aachen-Mainz 1994, Dissertation Techn. Hochschule Aachen, ISBN 3-930085-27-5
  4. Necrologium Herisiense (Memorienkalender mit Totenregister und Daten der im Bistum und Stift geehrten Heiligen und begangenen Festtagen)
  5. Unterlagen über die Bau- und Renovierungsmaßnahmen am Wasserschloss Heerse sowie Einrichtung der Museen, bereitgestellt durch GHK Manfred O. Schröder