Die Hubertuskapelle im restaurierten Wasserschloss Heerse als Ort der Heiligenverehrung

von Wolfgang Braun

2011
Jahrbuch Kreis Höxter
Seite 131 – 135

Im reizvollen Kontrast zum barocken Ambiente des sorgfältig und höchst aufwendig restaurierten Wasserschlosses in Neuenheerse steht die 1999 geweihte Hubertus-Kapelle im südlichen Park direkt an der Nethe: Stilistisch erinnert sie an die Stabkirchen Norwegens mit ihrer Holzbauweise und ihren Spitzdächern.

Diese Kapelle ist einem Bauwerk nachempfunden, das ich an der Grenze zwischen Ungarn und Slowenien gesehen habe. Es gefiel mir wegen seiner nordischen Bauweise und ich ließ von einem Architekturprofessor Pläne für eine Nachbildung in Neuenheerse anfertigen

berichtet Generalhonorarkonsul Manfred O. Schröder.

Das Charakteristische dieses Baus aus Lärchenholz zu Ehren des Hl. Hubertus, dem Schutzpatron der Jäger, ist ein mit seinen Spitzen fast bis auf die Erde herabgezogenes rotes Schindeldach, das aus vier ineinander verschränkten Quadraten besteht und deren Winkel nach unten zeigen. Charakteristisch ist ebenso ein etwa vier Meter hoher Glockenturm, eine nach allen Seiten offene Eichenholzkonstruktion mit einem roten Schindeldach, das genau wie die Kapelle von je einem Nirostastahl Kreuz gekrönt ist. In der Spitze des Kapellenturms brennt als Zeichen des jagdlichen Hintergrunds des Bauwerks Tag und Nacht ein grünes Licht.
Die Kapelle wurde anlässlich des 400-jährigen Gründerjubiläums des Wasserschlosses Heerse am 18. September 1999 von Bischof Prof. Dr. Reinhard Marx geweiht. Der jetzige Erzbischof von München und Freising war damals Weihbischof in Paderborn. Das zeitweise in Dortmund lebende Stifterehepaar Manfred O. Schröder und Helga Schröder kannte Marx aus der Zeit, als er von 1989 bis zu seiner Berufung zum Weihbischof in Paderborn Direktor des Sozialinstituts der „Kommende Dortmund“ war. Übergeben worden war das Gotteshaus an die Öffentlichkeit vom damaligen Landrat Hubertus Backhaus.

Der Sakralbau ist keine Privatkapelle. Er kann beispielsweise für Hochzeitszeremonien, Taufen etc. genutzt werden

laden Manfred O. und Helga Schröder ein.
Der sakrale Charakter der Hubertuskapelle wird unterstrichen durch einen historischen Altar, der um 1700 am Tegernsee geschaffen worden war. Er zeigt das Bild des auferstanden Christus im oberen Bereich, eine Darstellung des Gekreuzigten im mittleren Altarteil, im unteren, vergitterten Teil des Altar liegt eine Figur, die den toten Heiland nach der Kreuzabnahme darstellt. Das Christusbild ist ein bekannter Druck in Anlehnung an das Gemälde „Barmherziger Jesus“, gemalt 1934 nach den Visionen der Heiligen Maria Faustyna Kowalska.
Zudem beherbergt die Kapelle eine Reliquie des Hl. Ansgar. Sie wird in einem aus Italien stammenden und mit Intarsien verzierten Marmortabernakel aufbewahrt. Der aus dem französischen Corbie kommende Benediktiner wurde 823 Leiter der Klosterschule in Corvey. Wegen seiner regen Missionstätigkeit in skandinavischen Ländern galt der spätere Bischof von Hamburg und dann Bremen auch als Apostel des Nordens.

Eine Reliquie des heiligen Ansgar passt deshalb sehr gut in diese Kapelle, weil sie im nordischen Stil erbaut wurde

ist sich Generalhonorarkonsul Manfred O. Schröder sicher.
Der Festgottesdienst zur sogenannten Reponierung der Reliquie des Hl. Ansgar, nach dem auch das Krankenhaus in Höxter benannt ist, wurde am 5. November 2004 vom Abt des Benediktinerklosters St. Michaelsberg, Rafael Bahrs OSB, unterstützt von drei Priestern gefeiert.Ausgekleidet ist die Kapelle mit auf Hochglanz poliertem, hochwertigem, grauem Granit aus China. Aus chinesischem Granit sind auch die Platten des Fußbodenbelags. Auch diese Ausgestaltung unterstreicht die Internationalität des sakralen Raums, in dem in einer mit rotem Glas eingefassten Lampe aus der Türkei ein „Ewiges Licht“ brennt. Zu den hier versammelten Kostbarkeiten gehört die Figur des Hl. Hubertus mit Hirsch und Kreuz im Geweih aus Graubünden. Aus Manila stammt der Hl. Hubertus, der einen Hirsch auf den Schultern trägt. Aus Mexiko hatten Manfred O. Schröder und seine Ehefrau Helga ein Abbild von „Unserer lieben Frau von Guadeloupe“, – die schwarze Madonna von Guadeloupe – das an das berühmte Marienwunder aus dem Jahr 1531 erinnert, mitgebracht. Damit gehört diese genannte Darstellung der Marienerscheinung, die dem Azteken Juan Diego auf dem Berg Tepeyac bei Mexiko-Stadt widerfahren war, zu den ganz wenigen in der Region. Nur in der Kirche „Heilige Familie und Heiliger Stephanus“ in Beverungen-Wehrden ist noch ein weiteres Bild mit diesem Motiv zu sehen.

Wertvolle Ikonen aus dem estnischen Tallinn sowie ein geschnitztes Holzrelief aus Brasilien, das das letze Abendmahl Jesu zeigt, sowie ein im mexikanischen Stil bemaltes Holzkruzifix direkt in der Dachöffnung sind weitere sakrale Kunstwerke in der Kapelle. Die reiche Ausstattung des kleinen Gotteshauses mit Stücken aus aller Welt wurde möglich, weil das Stifterehepaar von seinen Reisen in fast alle Länder der Erde Kunstwerke und andere wertvolle Sammlerstücke als Staatsgeschenke mitbrachten oder sie dort erwarben. Auf diese Weise konnten Generalhonorarkonsul Manfred O. Schröder und seine Ehefrau Helga auch die etwa 20000 Exponate umfassende Sammlung aufbauen, die in den Vereinigten Museen im Wasserschloss Heerse gezeigt werden. Prächtig und von einem erlesenen Geschmack zeugend ist auch das Kapellenportal: Die beiden Türflügel aus Rosenholz sind mit Tierornamentik reich verzierte Schnitzwerke aus Kaschmir. Ein Eisengitter mit dem Wappen der Familie Schröder sowie eine Alarmanlage sichern den Kapelleninnenraum – eine weitere Alarmanlage ist im Tabernakelschrein der St.-Ansgar-Relique neben dem Altar geschaltet. Fast wie Türwächter wirken zwei 2,5 Meter großen Indianerfiguren am Eingang. Die aus Rot-Zeder gefertigten Skulpturen stellen einen Sioux- und einen Apachen-Krieger dar. Vor der Kapelle steht eine lebensgroße Rothirschplastik aus China und signalisiert ebenso wie das grüne Licht im Spitzdach des Kirchleins den jagdlichen Zusammenhang, in dem es steht. Ebenfalls aus China stammen der schmiedeeiserne Zaun, der das Gotteshaus umgibt, sowie links und rechts vor dessen Zauntor am Fuße der rückwärtigen Treppe des Wasserschlosses zwei Drachenfiguren, jede wurde aus einem Granitblock geschlagen. Drei historische Glocken hängen in der Spitze des in Eichenfachwerk ausgeführten Glockenturms, der etwa zwei Meter vom Kapellengebäude entfernt steht.
Eine der zwei Glocken aus Tallin/Estland trägt die gegossenen Beschriftung: „1880“, darunter sind drei Plaketten mit Motiven, dem russischen Doppeladler (Zarenadler) und zwei Krebsen zu sehen. Darunter steht in kyrillischer Schrift „SPB“ (Sankt Petersburg). Die zweite Glocke aus Tallin besitzt die gleichen Motivplaketten, trägt jedoch die Jahreszahl 1857. Die dritte Glocke stammt aus dem englischen Stratford-upon-Avon, der Stadt, die als Geburtsort des Dramatikers William Shakespeare gilt. Der eingegossene Name der Glockengießerei lautet “Mears Founder London”. Diese Glocke hat die Jahreszahl 1858. Außer der Hubertuskapelle gibt es links neben der Schloss-Einfahrt eine Hubertus-Halle, die zu Ehren des früheren Landrats Hubertus Backhaus so benannt wurde. Dieser hat sich während seiner Dienstzeit in steter kultureller Form um den Erhalt des Wasserschlosses verdient gemacht. Im Schloss selbst befindet sich zudem ein Hubertus-Saal. In ihm sind unter anderem Dokumente des Internationalen St. Hubertus Ordens aufbewahrt, der im Jahre 1695 durch den Reichsgrafen Franz Anton von Sporck in Kuks/Böhmen gegründet wurde. Er ist ein christlicher Ritterorden mit hierarchischem Aufbau, der sich der Devise „Deum Diligite Animalia Diligenets“ –„Ehret den Schöpfer, indem ihr seine Geschöpfe ehrt“ verpflichtet fühlt. Ihm gehört der jagdbegeisterte Generalhonorarkonsul, der seit fünfzig Jahren bilateral sowohl dem Staat Ghana als auch der Bundesrepublik Deutschland dient, seit Jahrzehnten an. Aufgrund seiner Verdienste erhielt GHK Schröder durch den damaligen Großmeister George Wood mit Unterstützung des späteren Großmeisters Karl Weber den großen Bruststern, die höchste Auszeichnung des Ordens, die üblicherweise nur Staatsoberhäuptern verliehen wird. An die Verehrung des Hl. Hubertus sind die Ordensmitglieder gebunden. Generalhonorarkonsul Manfred O. Schröder ist dieser Pflicht mit dem Bau der Hubertus Kapelle mit seiner wertvollen Ausstattung nachgekommen, obwohl er seit einem Jahrzehnt keine jagdliche Passion mehr ausübt. Diesem Orden gehörten ehemals Mitglieder hochadeliger asiatische und europäischer Herrschaftshäuser, wie z.B. Kaiser Karl VI, an. Zur Hubertus-Kapelle gelangt man über eine jahrhundertealte steinerne Brücke, die die mit Nethewasser gespeiste Gräfte überspannt. Nach ihrer vollkommenen Restaurierung wurde 2007 eine 250 Jahre alte, geschnitzte Büste des Hl. Johannes Nepomuk, einem der wichtigsten Brückenheiligen, an einer Schlosswand rechts neben der Brücke platziert. Nach einem festlichen Gottesdienst, den der Paderborner Weihbischof S.E. Matthias König am 2. Juni 2007 in der benachbarten Stiftskirche zelebriert hatte, wurde die wertvolle St. Nepomuk-Figur vom Weihbischof und dem in einem Warburger Kloster lebenden syrisch-orthodoxen Erzbischhof Dr. Julius Johannes Aydin sowie einem Missionar des Ordens vom Kostbaren Blut und dem Ortspfarrer gesegnet. Unter dem Gesichtspunkt der Heiligen-Verehrung im Wasserschloss Heerse bilden die St. Nepomuk-Büste und die St. Hubertuskapelle mit St. Ansgar-Reliquie eine Einheit.

Sie sind Bestandteil der vom Stifterehepaar Manfred O. Schröder und Helga Schröder in selbstloser Form mit ganz erheblichen Mühen und Mitteln aus ihrem Privatvermögen durchgeführten aufwändigen Restaurierung des barocken Wasserschlosses, das nun mit seinen hier untergebrachten Museen mit natur- und jagdkundlichen und ethnographischen Sammlungen, mit ihren kolonialgeschichtlichen und ihren Preußen-Abteilungen und ihrer Sammlung zur europäischen Kulturgeschichte zu einem der herausragendsten Museen in Nordrhein-Westfalen gehören. Die Museen haben in der inzwischen Weltruf erreicht – das Schlossgebäude kann als ein Teil des Weltkulturerbes bezeichnet werden.