Die schweren Geschütze der Vereinigten Museen im Wasserschloss Heerse

07. Mai 2009
Amtl. Mitteilungsblatt Bad Driburg Nr. 975

Der Besucher des Wasserschlosses Heerse, der den Außenbereich besichtigt, sieht sich plötzlich einer Kanone gegenüber. Es gibt davon vier Stück auf dem Gelände. Diese Wächter des Schlosses sind heute friedlich. Es ist sicherlich lange her, dass sie ihren letzten Schuss getan haben. Und dass diese Geschütze heute friedlich sind, erkennt man daran, dass das Zündloch dauerhaft verschlossen ist, so dass diese einstmals gefürchteten Waffen heute nur noch Demonstrationszwecken dienen.

HGK Schröder hatte diese gut erhaltenen Stücke aus England für die Ausstellung im Wasserschloss Neuenheerse erworben. Exponate dieser Qualität sind heutzutage nicht leicht zu finden. In der Tat muss man bei vielen Museen vorsprechen, um gleichwertige Stücke anzutreffen. Auf Wunsch von HGK Schröder beschäftigte sich ein Waffenfachmann mit diesen gewichtigen Stücken und fand dabei einige Dinge, die verblüffen und die Kanonen von Heerse in einem besonderen Licht erscheinen lassen.
Irgendwann im 15. oder 16. Jahrhundert, eine präzise Angabe des Datums ist heute nicht mehr möglich, machte ein Stoff sein Erscheinen im europäischen Raum, der das gesamte Schießwesen, und damit auch die Kriegsführung verändern sollte: das Schwarzpulver.

Neben zahlreichen Versuchen mit primitiven handgehaltenen Feuerrohren lag es nahe, dass Kanonen konstruiert wurden, die auf dem Schlachtfeld zur Unterstützung des Fußvolks dienen sollten. Diese Kanonen waren einachsig, hatten große Räder und wurden von zwei oder mehr Pferden gezogen. Das bedeutete, dass sie im Gelände recht beweglich waren.

Jedoch so wirkungsvoll diese Feldgeschütze gegen Fußsoldaten und Reiterei auch waren, gegen die Mauern einer Burg oder die befestigten Wälle einer Stadt waren sie wenig mehr als nutzlos. Für diese Zwecke mussten stärkere Geschütze eingesetzt werden. Das Kaliber und die Ladung beliebig zu erhöhen, war keine praktikable Lösung des Problems. Das zeigte sich an den Superkanonen, die an verschiedensten Orten konstruiert und gebaut wurden. Bei den kleinen Rollen, die den Transport der Kanone mit einem Gewicht von beispielsweise 3.000 lbs und einer Zugkraft von mehr als zwanzig Pferden bewerkstelligen sollten, kann man sich vorstellen, wie es um die Vorwärtsbewegung im Gelände bestellt war. Dazu kam noch die stets vorhandene Gefahr, dass die hier allzu blauäugig verwendeten Gewaltladungen und die Sprengsicherheit des Rohres nicht recht zueinander passen wollten. Manche Geschützbedienung wurde ausgelöscht, wenn ihre Wunderwaffe den Geist aufgab.
Eine hohe Mündungsgeschwindigkeit und damit auch Geschossenergie bei einer flachen Geschossflugbahn lässt sich bei geringem Gasdruck nicht erreichen. Das führte dazu, dass eines Tages das Prinzip des Mörsers entwickelt wurde. Ein ganz wesentlicher Gewinn ist dabei eine höhere Gleichmäßigkeit von Schuss zu Schuss zu kontrollierbarem Gasdruck.

Dieses Prinzip lässt sich auch vorteilhaft für die Artillerie der Marine einsetzen, die bisher nur mit mehr oder weniger waagerecht ausgerichteter Artillerie schießen konnte. Die Platzverhältnisse in den Batteriedecks ließen nur ein in etwa waagerecht ausgerichtetes Schießen zu. Die Treffer auf dem gegnerischen Schiff trafen also waagerecht auf den verstärkten Schiffskörper.

Das Geschütz auf der Terrasse des Wasserschlosses Heerse repräsentiert den Typus der beweglichen Feldartillerie, allerdings besitzt es eine nachträglich für stationären Einbau gefertigte Lafette. Die drei anderen Geschütze, die in den Außenanlagen des Schlosses aufgestellt sind, haben Mörserrohre, deren Lafetten in diesem Falle nicht für Steilfeuer eingerichtet sind und so prädestiniert sind für den Gebrauch bei eingeschränkten Platzverhältnissen, etwa als Schiffsgeschütze oder Festungsartillerie.

Eine ganz besondere Geschichte rankt sich um die Kanonen, die durch das Eingreifen von HGK Schröder einen neuen Standort in Heerse gefunden haben. Der Museumsgründer fand diese Stücke in einem kleinen Städtchen namens Stratfort-upon-Avon in Mittelengland. Dies ist der Ort an dem William Shakespeare geboren wurde und den größten Teil seines Lebens verbrachte. Hier hat er vielleicht erfahren, dass besondere Ereignisse durch Geschützdonner angekündigt werden und im „Hamlet“ macht er Gebrauch davon. Jetzt fragt man sich, was Shakespeare angeregt hat, die Kanonen explizit zu erwähnen. Welche Kanonen? Es könnte sein, dass um das Jahr 1600 Shakespeare Erfahrungen mit Kanonen gemacht hat. Mit welchen Kanonen? Man beginnt sich im Kreis zu drehen. Sollte man hier in Heerse Kanonen besitzen, die Shakespeare bewogen haben, dies im Hamlet zu erwähnen?