Kultur der Südsee im Wasserschloss St. Hubertus – Heerse

von Wolfgang Braun

 

2014

Jahrbuch Höxter

 

Ein weitverbreitetes Vorurteil besagt, dass Kannibalismus, das Verspeisen also von Angehörigen des eigenen Stammes oder von besiegten Feinden, bei Wilden Brauch ist. Besucher aber der Südsee-Abteilung in den Vereinigten Museen im Wasserschloss St. Hubertus – Heerse werden schnell eines Besseren belehrt: Offenbar gehen Menschenfresserei und die Entwicklung von Kunst und Kultur durchaus zusammen.

Manchem Museumsgast graust es, wenn er das Schild neben kunstvoll geschnitzten Holzgerätschaften mit vier spitzen Zacken liest: „Kannibalen-Gabeln – Fidschi-Inseln“. Generalhonorarkonsul Manfred O. Schröder und seine Gattin haben sie und andere Ausstellungsstücke von Südseereisen mitgebracht. Sie haben unter anderen mit ihren von Reisen in alle Teile der Welt mitgebrachten Exponaten im ehemaligen Wasserschloss Heerse die Vereinigten Museen eingerichtet, die von der Kulturstiftung Generalhonorarkonsul Manfred O. Schröder und Helga Schröder getragen werden. Diese „Kannibalen-Gabeln“ liegen aber inmitten einer Abteilung voller kunstvoll aus Muscheln gefertigter Schmuckstücke, geschnitzter Masken, Schilde, Speere, Keulen, Instrumente, Kult-Skulpturen, deren hoch entwickelte, bemerkenswerte Ästhetik gegen die oft gehörte Einschätzung spricht, es seien Primitive gewesen, bei denen Menschenfresserei und Kopfjagd und die damit verbundenen Rituale uralte Stammes-Sitten und -Bräuchen waren.

Kunstvoll verzierte, nur zum Verzehr von Menschenfleisch bestimmte Kannibalengabeln von den Fidschi-Inseln

Nachweislich gehört Kannibalismus zu den mittlerweile abgelegten Traditionen von vielen Völkern auf den insgesamt 7500 Südsee-Inseln, von denen 2100 bewohnt sind. 30,8 Millionen Menschen leben dort. Selbst heute werden noch dort zuweilen Fälle von Kannibalismus zum Beispiel in Papua-Neuguinea kolportiert, weil sie ein gerichtliches Nachspiel hatten. So berichtete am 13.Juli 2012 die Tageszeitung „Die Welt“ unter Berufung auf das in Port Moresby, der Hauptstadt Papua-Neuguineas, erscheinende Blatt „The National“ von einem Prozess gegen Menschenfresser. 29 Angeklagten, sie werden als Angehörige eines Kannibalismus-Kultes bezeichnet, wurde vorgeworfen, sie hätte seit April 2012 mit eigens dafür präparierten Buschmessern sieben Menschen ermordet. “Wir haben ihre Gehirne roh gegessen und Organe wie Leber, Herz und Penis entnommen, um sie weiterzuverkaufen”, habe einer der Angeklagten ausgesagt. Die Opfer seien Hexer gewesen, die sich mit Sex hätten bezahlen lassen. Da immer wieder Männer und Frauen, die der Hexerei bezichtigt wurden, Mordanschlägen zum Opfer fielen, hatte – wie Spiegel Online am 29.Mai 2013 berichtete – das Parlament von Papua-Neuguinea, ein Gesetz von 1971 abgeschafft, das Hexerei unter Strafe gestellt hatte – ein Gesetz, das also anerkannte, dass es Hexerei überhaupt gibt. Darauf hatten sich alle die berufen können, die der Hexerei Verdächtigte getötet und ausgewählte Körperteile verspeist hatten. Noch im Februar 2013 war laut Spiegel Online in Mount Hagen im unwegsamen Hochland Papua-Neuguineas die 20-jährige Mutter Kepari Leniata bei lebendigem Leib verbrannt worden, nachdem sie der Hexerei bezichtigt worden war. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, so Spiegel Online, habe in einem Jahr mehr als 50 Fälle von Hexenverbrennungen dokumentiert. Die Dunkelziffer sei aber weitaus größer, vermutet die Organisation.

Kannibalismus wird häufig im Zusammenhang mit dem Begriff Mana diskutiert. „Unter diesem melanesischen Wort verstehen wir den nach Anschauung dieser Menschen in jedem Lebewesen wohnenden, aber auch auf Gegenstände durch den Gebrauch übertragenen Seelen- oder Kraftstoff“, schreibt der Anthropologe Herbert Tischner, der am Hamburgischen Museum für Völkerkunde und Vorgeschichte wirkte, in „Kulturen der Südsee“. (Tischner, 1958, S. 113 ff). Dem Mana wurde übernatürliche und regelrecht magische Kräfte zugeschrieben, stellt auch der tschechische Ethnologe und Sachbuchautor Miloslav Stingl in „Die Kunst der Südsee“ fest (Stingl, 1985, S. 76). Beim Kannibalismus handele es sich nun vor allem darum, sich dieses Mana durch den Genuss von Teilen des betreffenden Opfers sich einzuverleiben. Keinesfalls diente er der Nahrungsbeschaffung. Auch stehe Kannibalismus, so Tischner, im engen ursprünglichen Zusammenhang mit Menschenopfern. Später sei das Schwein an die Stelle des Menschenopfers getreten. Allerdings sei trotzdem auch oft noch ein Mensch getötet und verzehrt wurden. (Tischner, 1958, S. 114). Beute waren bei einigen Stämmen nur getötete Feinde und Gefangene – Frauen hat man unter Umstände extra gemästet. Bei manchen Stämmen waren aber auch eigene Familienangehörige, sogar auch Kinder, die Opfer. Überliefert ist, dass Opfer gefoltert wurden, um die Geschmacksqualitäten des Fleisches zu erhöhen. Als Beispiele für Waffen, die zur Tötung eingesetzt wurden, sind verschiedenartige Keulen ausgestellt. Ausgestellt ist aber auch eine sogenannte Reißwaffe – bestückt mit rasiermesserscharfen Haifischzähnen.

Auf den Viti-Inseln, die zu den Inselgruppen gehören, von denen die oben erwähnten Kannibalen-Gabeln stammen, sollen, so schreibt Tischner, Häuptlinge mit 900 verspeisten Opfern geprahlt haben – eine Zahl, die der Südseeforscher allerdings bezweifelt (Tischner, 1958, S. 115). Ein Reisender hatte in einer Schilderung aus dem Jahre 1860 den religiösen Aspekt des Kannibalismus unter anderem auf diesen Viti-Inseln bestätigt. „Kannibalismus als staatliche Einrichtung ist mit einem gewissen Grad religiöser Ehrfurcht verbunden, eine geheimnisvolle Heiligkeit, die dem Opfer an ein erhabenes Wesen verwandt ist, wozu nur die wenigen Auserwählten, die Tabuklasse, Priester, Häuptlinge und höhere Ränge sich zu versammeln würdig waren.“ Für jede Kannibalenmahlzeit wurde auf den Viti-Inseln aufrecht stehende Gedenksteine errichtet. Ein solches geschnitztes Mahnmahl für ein Blutracheopfer ist in einer anderen Vitrine in der Südsee-Abteilung zu sehen.

Anlässe für rituellen Kannibalismus habe es viele gegeben, schreibt Tischner. Er nennt Beispiele wie Blutrache, die mit dem Verspeisen des Opfers endet, Erkrankung eines Häuptling, Bau und Stapellauf eines großen Bootes, Bau und Einweihung eines Kulthauses oder Tempels, Abschluss einer Fehde zwischen zwei Dörfern oder eine Initiation, wie zum Beispiel die Aufnahme in einen Geheimbund (Tischner, 1958, S. 115).

Wie sehr Kannibalismus aber wirtschaftlich negative Folgen für die Kolonialherren hatte, geht aus einem Bericht hervor, der 1907 im Deutschen Kolonialblatt abgedruckt wurde. Er schildert einen Polizeitruppen-Einsatz auf der Insel Nissan, die zu Papua-Neuguinea, gehört – von 1871 bis 1918 Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Neuguinea. Denn einzelne Dörfer im Gebiet voller Kokospalmen führten Krieg gegeneinander und schlachteten die Gegner ab und bereitet sie als Speisen zu. Die Palmen aber, unter den die Morde geschehen waren, wurden mit Kennzeichen versehen und dadurch tabuisiert. Hier durften eine Zeit lang keine Kokosfrüchte mehr geerntet werden, um daraus Kopra, getrocknetes Kernfleisch von Kokosnüssen, aus dem Kokosöl gepresst wird, zu gewinnen. „Die Häufigkeit der Todesfälle als Folge der Stammesfehden und der Menschenfresserei führte zwangläufig dazu, dass immer mehr Palmen ‚tabuisiert‘“ wurden“, so schreibt der Journalist Golf Dornseif in seinem Artikel „Kannibalismus in Deutsch-Neuguinea“, in dem er das Deutsche Kolonialblatt als interessante Quelle ausgewertet hat. Ähnliches Eingreifen der britischen, deutschen, niederländischen oder französischen Kolonialherren bei Kannibalismus hat dazu beigetragen, diesem Brauch ein Ende zu machen oder ihn zumindest in den kriminellen Untergrund abzudrängen. Auch die Australier, die Papua-Neuguinea von 1949 bis 1975 als Treuhandgebiet verwalteten, stellten die Menschenfresserei unter Strafe.

Auch schwere gesundheitliche Folgen hatte der Kannibalismus: So dezimierte seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Kuru genannte, tödliche verlaufenden Krankheit das Volk der Fore im Hochland von Papua-Neuguinea. Kuru („Muskelzittern“) ist vergleichbar mit der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit als Folge einer BSE-Infektion. Als Ursache hat sich bei Medizinern und Anthropologen die Hypothese durchgesetzt, dass Kuru durch Endokannibalismus, also durch den Verzehr von Fleisch verstorbener Stammesgenossen, übertragen wurde. Mit dem Verbot des Kannibalismus nahm auch die Häufigkeit der Erkrankungen stetig ab. Sie gilt jetzt als ausgestorben (siehe Wikipedia, Stichwort: Kuru).

Parallel zum Kannibalismus war auch die Kopfjagd – zum Beispiel bei vielen Stämmen in Papua-Neuguinea oder auf den Salomonen – weit verbreitet. Die Marind-anim im Süden von Papua-Neuguinea übernahmen dafür alljährlich weite, gefahrvolle Kriegszüge, zu denen sich meist mehrere Dörfer zusammenschlossen (siehe Tischner, 1958, Seite 122). Denn bei vielen Stämmen, so Tischner, durften die jungen Männer erst dann heiraten, wenn sie mindestens einen Kopf erbeutet hatten. Neues Leben durfte erst dann gezeugt werden, wenn bereits bestehendes vernichtet worden war. Auch hier wollte man aus den Schädeln von Getöteten Mana, Seelen-Kraftstoff, gewinnen. Wichtig war aber, zuvor vom Opfer dessen Namen erfahren zu haben, der dann mit dem Mana des Getöteten auf ein neu geborenes Kind übergeht. Die skelettierten Schädel wurden in Kulthäusern aufgereiht aufbewahrt.

Die Bedeutung des Kannibalismus als Nahrungsquelle ist allerdings neben den rituellen Aspekten dieser Tradition zu vernachlässigen. Offenbar gab es auch Stämme, die das kulinarische Moment zu schätzen wussten. So berichtet der bekannte Berliner Reisejournalist Rasso Knoller in seinem Buch „Papua Neuguinea – Im Land der dunklen Geister“ von der Begegnung mit dem 80-jährigen Fogi im Hochland Papua-Neuguineas. Als Kind war er dabei gewesen, wie seine Eltern Menschenfleisch gegessen hatten. Seine Mutter hatte ihm erzählt, Menschenfleisch schmecke nach Kasuar, einem großen Laufvogel, dessen Fleisch zu den Lieblingsspeisen der meisten Papuas gehört, sei also gewissermaßen eine Delikatesse.

Doch Kannibalismus betreffende Gegenstände wie Kannibalengabeln oder Keulen zum Erschlagen der Opfer sind bei Weitem nicht die einzigen Ausstellungsstücke in der Südsee-Abteilung der Vereinigten Museen. Lässt man den Blick dort von Vitrine zu Vitrine wandern, ist man angetan von der hohen, ebenso auf Präzision wie auf Ästhetik bedachten Kunstfertigkeit, mit der der hier ausgestellte Schmuck, die Kämme, die Schilde, Masken und Waffen, Kult-Skulpturen, Taschen oder Kleiderhaken gefertigt sind.

In einer Vitrine beispielsweise liegt eine Sammlung von formvollendet mit kleinen Seeschneckengehäusen oder mit Tierzähnen verzierten Hauben, Gehängen und Taschen aus. Taufaʻahau Tupou IV, der 80-jährige König von Tonga, einer Inselgruppe östlich von Fidschi, südlich von Samoa und nördlich von Neuseeland gelegen, hatte Generalhonorarkonsul Schröder und seine Frau Ende der 1990er Jahre in seinem Palast in Nukuʻalofa empfangen und dem Ehepaar den Schmuck zum Geschenk gemacht. Für ihre Flechtarbeiten sind die Einwohner der Tongainseln berühmt. „Kleine Meisterwerke der Flechtkunst sind auch die hübschen, oft mit Scheibchen aus Seeschneckenschalen verzierten Taschen, in denen die Tonganesen kleinere Schmuckgegenstände wie Halsketten und Zierkämme verwahrten, die ebenfalls aus tierischen oder pflanzlichen Material gefertigt, oft nicht minder schön gearbeitet waren“, schreibt auch Miloslav Stingl (Stingl, 1985, S. 220).

Geschnitzte und mit Quasten verzierte Schilde mit Maskendarstellungen

In einer anderen Vitrine sind zwei Figuren ausgestellt, die ebenfalls prachtvoll gearbeiteten Schmuck – zum Teil aus gebleichten Hundezähnen – tragen. Sie sind umgeben von angsterregenden Schilden mit Maskenverzierungen, die als Element der psychologischen Kriegsführung den Gegner bedrängen sollten. Dass das offenbar funktioniert, zeigt ein Foto: Es zeigt furchterregende Gestalten aus dem Stamm der Weißen Krieger auf der Inselgruppe der Vanuatu, die ein Fest in Erinnerung, daran feiern, dass sie mit einer Kriegslist einen stärkeren Stamm in Flucht geschlagen hatten: Sie hatten sich mit Schlamm beschmiert, der nach dem Austrocknen auf den Körpern eine weiße Kruste zurückließ. Verbunden mit entsprechend Furcht erregenden Masken stellten sie sich den Kriegern des überlegenen Stamms zum Kampf, die dermaßen von diesem Anblick schockiert waren, dass sie die Flucht ergriffen haben sollen. Von dieser Inselgruppe, die zu den Neuen Hebriden zählt, stammen auch die Schlitztrommeln am Türpfosten zum zweiten Raum der Südsee-Abteilung. An der Decke hängen als weitere Instrumente Holzglocken mit mehreren Klöppeln.

Totenkopf, hinter dessen Augenhöhlen bei nächtlichen Festen sicherlich Feuer glühten.

Auffällig ist die Vielzahl von schrecklichen anmutenden Masken mit Augenschlitzen und Maskenformen etwa auf Schilden. Herbert Tischner macht darauf aufmerksam, dass sie nur unter ganz bestimmten Umständen, die im Museum naturgemäß nicht herrschen, ihre volle unheimliche Ausdruckskraft entfalten. Denn: „Sie wird erst bei den Tänzen offenbar, die gerne in Mondscheinnächten oder beim flackernden Licht der Fackeln aufgeführt werden.“ (Tischner, 1958, S. 127). Dann rufe die Bewegung der unerschütterlich starren, dämonischen Masken bei den Zuschauern ein Grausen hervor, dem sich auch Weiße nur schwerlich entziehen könnten. Oft stünden die Masken, die in der Regel an für Frauen und Kinder verbotenen Orten aufbewahrt wurden, im Zusammenhang mit Ahnenfeiern, Geheimbünden und Initiation. „Die Maskenträger bleiben den Uneingeweihten unbekannt und werden von ihnen für verkörperte Geister gehalten“, stellt der Ozeanien-Experte Tischner fest (Tischner, 1958, S. 127). Dieses Geheimnis zu wahren gehöre zu den Aufgaben der Männerbünde, die das Maskenwesen vorbereiteten und betrieben. „Erst wenn der erwachsene Mann in den Bund aufgenommen wird, gibt man ihm die wahre Natur der Masken preis. Unter einem feierlichen Zeremoniell, häufig verbunden mit harten Prüfungen und Androhungen schwerster Strafen, werden die neu Aufgenommenen zu unbedingter Geheimhaltung gegenüber Frauen und Kindern verpflichtet“, fährt Tischner fort (Tischner, 1958, S. 128)

Geschnitzte, mit Krokodilmotiven verzierte Maske eines Geheimbundes

Gesichter, die allerdings viel weniger schrecklich aussehen, tragen jedoch auch sogenannte Aufhängehaken, von denen in der Südsee-Abteilung einige zu bewundern sind. Sie dienten in den Häusern zum Aufhängen von Kleidung und anderen Habseligkeiten. An ihnen waren unten nach rechts und links weisende große Haken herausgearbeitet.

Totenboot zur Überführung de Seele ins Jenseits. Das Boot erinnert an ein Kriegskanu, das mit einem Krokodil infiziert wurde.

Bei männlichen Figuren der Südsee-Ausstellung wirkt der Penis oft überdimensioniert. Seine Darstellung unterliegt offensichtlich keinerlei Tabus. Erheiternd mag auf manchen Besucher auch der Anblick zweier schön geflochtener und verzierter, gebogener Penisschoner wirken. Nicht zu übersehen sind auch Krokodilskulpturen und – darstellungen. Das Krokodil ist ein häufiges Motiv in der Kunst Papua-Neuguineas, es gilt als Ahnentier. Bemerkenswert sind auch die ausgestellten geschnitzten Totenschiffe mit sitzenden Figuren, in denen verstorbene Häuptlinge oder Priester rituell ins Jenseits befördert wurden. Die Enden sind als Krokodilsköpfe ausgeführt. Das Segel stellt ein Kanuschild dar, wie es auch bei Kriegsfahrten benutzt wurde. Er bildet sinnbildlich Schutz durch vielfältige symbolische Darstellungen.

Eine eigene Vitrine ist den Pitcairn-Inseln gewidmet. Hier hatten die legendären Meuterer auf der Bounty 1789 nach dem Verbrennen des Schiffs, dessen Wrack dort immer noch vor der Küste liegt, ihre Zuflucht gefunden. Nachkommen der Meuterer und ihrer polynesischen Frauen – derzeit etwa 50 Menschen – bewohnen die Insel, die von Touristen nur mit Genehmigung des Magistrats betreten werden dürfen. Mehrmals im Jahr legen jedoch Kreuzfahrtschiffe an, von denen in der Regel nur der Kapitän an Land darf. Inselbewohner kommen allerdings gerne an Bord, um Souvenirs, Trockenfrüchte und Honig zu verkaufen. Haupteinnahmequelle ist der Vertrieb der bei Sammlern begehrten Briefmarken, die in Neuseeland gedruckt werden. Ausgestellt sind neben Briefmarken auch Münzen von Pitcairn. Die Pitcairn-Inseln sind das letzte britische Überseegebiet im Südpazifik. Obwohl das Vereinigte Königreich aus Kostengründen diesen Status gerne ändern würde, wehren sich die Bewohner seit Jahren erfolgreich dagegen, denn nur mit britischer Unterstützung ist ihr Verbleib auf der Insel gesichert. Die Funktion des Gouverneurs von Pitcairn wird seit 1970 vom britischen Hochkommissar in Neuseeland ausgeübt. (Wikipedia, Stichwort: “Pitcairn”). Zu sehen sind in dieser Vitrine auch kleinformatige Nachbildungen von Moai, von den rätselhaften kolossalen Steinfiguren auf der Osterinsel, die „nur“ 2078 Kilometern von der Nachbarinsel Pitcairn entfernt liegt und politisch zu Chile, kulturell aber in den polynesischen Kulturraum der Südsee gehört.

Dieser Kulturraum hat hoch entwickelt Kunst- und Kunsthandwerkprodukte hervorgebracht, die zumeist rituellen Zwecken in einer vom Animismus beherrschten Welt dienten. Für den Animismus sind Menschen und Dinge von übernatürlichen Wirkkräfte (Mana) beseelt, die man sich durch Aufessen einverleiben kann. Diese üppige Vielfalt von Techniken und Stilrichtungen, dieser Reichtum der Erfindungsgabe stellt zwangsläufig das Vorurteil infrage, in der Südsee lebten „primitive Kannibalen, denen jegliche Kultur und damit jeglicher Sinn für Kunst abgehe“ (Stingl, 1985, S. 35). Zwar hat sich der Blick auf die Kunst der Südsee geweitet und geschärft. „Doch im Grunde ist auch heute noch die Feststellung zutreffend, dass die bildenden Kunst dieses Teils der Welt trotz ihrer einzigartigen Schönheit, ihrer urwüchsigen Ausdruckskraft und Originalität der breiten Öffentlichkeit leider noch immer zu wenig bekannt ist“, schreibt Miloslav Stingl. (Stingl, 1985, S. 36). Ein Missstand, dem ein Besuch der Südsee-Räume in den Vereinigten Museen abhelfen kann. Auch wegen seiner Abteilungen Naturkunde, Jagdkultur, Kolonialgeschichte, Ethnographie und Preußen mit seinen 20 000, zumeist einzigartigen Ausstellungsstücken auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern lohnt er sich.

www.wasserschloss-neuenheerse.com

Quellen:

 

Dornseif,   Golf. (2010). Kannibalismus in Deutsch-Neuguinea. siehe:   http://www.golf-dornseif.de/artikel/Pazifische_Inselgebiete: als pdf-Datei   verfügbar .

Knoller, Rasso. (2012). Papua Neuguinea – Im Land   der dunklen Geister. Wien: Picus.

Stingl, Miroslav. (1985). Kunst der Südsee .   Leipzig: VEB E.Seemann-Verlag .

Tischner, Herbert. (1958). Kulturen der Südsee.   Hamburg: Hamburgisches Museum für Völkerkunde und Vorgeschichte .

Wikipedia. (2013). Stichwort “Kuru”.   Von http://de.wikipedia.org/wiki/Kuru_%28Krankheit%29

Wikipedia. (2013). Stichwort:   “Pitcairn”. Von de.wikipedia.org/wiki/Pitcairn