Vom Damenstift zum Völkerkundemuseum – Wasserschloss Heerse birgt einzigartige Privatsammlung des Konsuls von Ghana – Konsul, Sammler und Mäzen

11. Juni 2004
Göttinger Tageblatt
Jürgen Gückel

Die Geschichte Preußens und die koloniale Vergangenheit Deutschlands, Jagdkultur und Hubertus-Legende, Völkerkunde aller Herren Länder und zugleich eines kleinen Dorfes – alles unter einem Dach. Das ist das Wasserschloss Heerse. Eine einzelne Familie, Honorargeneralkonsul Manfred O. Schröder und Frau Helga, hat das Schloss als Heim für eine einzigartige Privatsammlung restauriert.

Einst lebten hier freiweltliche hochadelige Damen. Gleich nebenan in der 1100 erbauten romanischen Stiftskirche, dem so genannten Eggedom, beteten sie. Die gotisch umgebaute Kirche enthält einen der wertvollsten deutschen Reliquienschätze undist auch wegen seiner Orgel aus dem Jahr 1713 sehenswert.

Doch zum Juwel ittem im Kern des Bad Driburger Stadtteils Neuenheerse ist – wieder – das Wasserschloss geworden. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde es von Othilia von Fürstenberg im Stil der Weserrenaissance erbaut. Die zweiflügelige Residenz der Äbtissinnen ist vollkommen von Wasser umgeben und über eine Gräfte zu erreichen.

Als das Schloss noch den Missionaren vom Kostbaren Blut gehörte, sah es hier anders aus: Teile des Gemäuers im Schlossgraben, Schwamm in der Westfront, undichtes Dach. 1989 hat Konsul Schröder, der eine Bleibe für seine riesige Sammlung suchte, das Schloss gekauft.
Der damalige Regierungspräsident Walter Stich überzeugte ihn, dass der aus Dortmund stammende Konsul und Mitglied des St. Hubertus-Ordens nicht nach Bayern sondern ins „kulturarme Ostwestfalen“ gehen sollte. Seitdem sind Millionen in die Renovierung geflossen.

Heute erstrahlt das Wasserschloss in neuem Glanz. Für die Öffentlichkeit ist es zugänglich, weil Schröder nicht nur eine heimatkundliche Sammlung aufgebaut hat, sondern auch seine privaten Schätze ausstellt. Allerdings nur dienstags (5.30 Uhr) und nach vorheriger Anmeldung können Einzelbesucher kommen. Führungen gibt es aber für Gruppen ab zehn Personen bei Voranmeldungen jederzeit. Für 5 Euro erleben Schulklassen oder historisch Interessierte Einzigartiges:
Riesige Räume voller Tierpräparate vom Eisbären bis zum Walross, unzählige Jagdtrophäen oder jagdkundliche Exponate. Dazu eine große völkerkundliche Abteilung, aber auch heimatliche Ausstellungsstücke wie eine komplette Schusterwerkstatt oder eine alte Drogerie. Schließlich zieren Schlosspark und -gelände unzählige Bronze- oder Steinfiguren, eine Hubertuskapelle und Glockenspiel.

Neuenheerse ist von Göttingen in eineinhalb Stunden (100 Kilometer) über Uslar, Beverungen und Bad Driburg erreichbar. Infos: www.wasserschloss-neuenheerse.de.
Anmeldung: 0 52 59/93 03 33 oder 16 44. Kirchenführungen unter 0 52 59/5 12

Konsul, Sammler und Mäzen

Manfred Oswald Schröder ist ein außergewöhnlicher Mann, zupackend und welterfahren,
ein Sammler aus Leidenschaft und für Neuenheerse ein Glücksfall. Der 79-jährige ist der
dienstälteste Honorargeneralkonsul Deutschlands. Seit mehr als 40 Jahren, also praktisch seit
Staatsgründung 1960, vertritt er die Republik Ghana. Weil er mit dem ersten Präsidenten
Ghanas in England studierte, bekam er schon als junger Mann diese Aufgabe. Seitdem hat er die
ganze Welt bereist, hat aus vielen Ländern völkerkundliche oder jagdliche Exponate mitgebracht,
hat voller Leidenschaft Bronzefiguren zusammengetragen und sich selbst am neuen Sitz seiner
Sammlung in Heerse sofort auch der Heimatkunde gewidmet. Was Besucher in der
heimatkundlichen Sammlung sehen, hat alles der Mäzen des Ortes seit 1989 erworben und der
Öffentlichkeit zugänglich gemacht.